»Mich fasziniert die dunkle Seite der Seele«

Ian Rankin zu seinem Inspector-Rebus-Roman „Mädchengrab“ von Sabine Schmidt

© Bildschön/Martin Stickler

Nach 17 Fällen schickte Ian Rankin seinen Inspector John Rebus in Pension – und holt ihn jetzt, nach fünf Jahren, wieder zurück. Ein Gespräch in der Oxford Bar in Edinburgh über „Mädchengrab“, seelische Abgründe und die schottische Autobahn A9.

Der Mann, der Sie gerade angesprochen hat - ist er ein Fan von Ihnen?

Eher ein Fan von John Rebus. Viele Leser kommen in die Oxford Bar, weil er hier trinkt, oder schicken Briefe und Rebus-Bücher, die ich signieren soll. Harry, der Pubchef, gibt mir alles weiter. Er kennt mich gut - ich kam schon als Student hierher, noch bevor ich mein erstes Buch schrieb.

Sie kamen, wie Rebus auch, von Fife nach Edinburgh -

Das ist eine etwa 40 Kilometer entfernt liegende Arbeiterstadt. Ich bin dort aufgewachsen und weiß selbst nicht, warum ich schon als Kind gern las und immer schon schreiben wollte. Niemand aus meiner Familie interessierte sich für Bücher.

Aber Sie studierten dann ausgerechnet Literatur. Wie war das?

Seltsam. In Fife hing ich mit den taffen Kids rum und tat so, als ob ich so wäre wie sie, eben nicht anders, kein Freak, selbst noch als Student, wenn ich an den Wochenenden heimkehrte. Und in Edinburgh schrieb ich Gedichte und Kurzgeschichten. Das war ein bisschen wie bei "Dr. Jekyll und Mr. Hyde": Ich war äußerlich angepasst, fühlte mich innerlich aber ganz anders.

War diese Spaltung irgendwann vergessen?

Nein, sie ist bis heute geblieben - und sie spielt ja auch in Krimis eine Rolle: Es geht immer auch um die Frage, warum Menschen einander Furchtbares antun, und "Dr. Jekyll und Mr. Hyde", die Geschichte von einem, der seine dunkle Seite verbirgt, die dann aber doch irgendwann an die Oberfläche kommt, ist der Versuch einer Antwort.

War das der Anlass dafür, dass Sie Krimiautor wurden?

Ja, auch wenn es anfangs keine Krimis sein sollten. Ich habe über den Roman "The Prime of Miss Jean Brodie" von Muriel Spark promoviert. Jean Brodie ist mit William Brodie verwandt, den es wirklich einmal gegeben hat: Er war tagsüber ein angesehener Bürger in Edinburgh, aber nachts ein Dieb und Gauner. "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" und die Brodies, das andere, das Dunkle hinter den angepassten Fassaden war das, was mich fesselte, und in meinem ersten Buch ging es mir genau darum. Es sollte ein Roman sein, aber die Buchhändler stellten es in die Krimiecke, weil ein Polizist - John Rebus - darin vorkommt. Beim zweiten Buch versuchte ich, die Verbindung zu "Jekyll und Hyde" zu verdeutlichen, indem ich ihm den Titel gab "Hide and Seek" und weitere Hinweise einstreute. Aber auch das nützte nichts. Ich kapitulierte und schrieb den dritten Band dann tatsächlich als Krimi.

Es wurden schließlich 17 Bände mit John Rebus. Was hat Sie daran gereizt, immer wieder über ihn zu schreiben?

Er ist eine komplexe Persönlichkeit, ich finde ihn interessant. Aber ich wollte auch über das gegenwärtige Schottland schreiben, über politische und soziale Themen. Ein Cop als Hauptfigur öffnet dafür alle Türen, weil er in jeden Winkel der Gesellschaft kommt und mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun hat, vom Politiker bis zu Prostituierten und Drogenabhängigen. Auch deshalb blieb ich dann beim Krimi.

Mögen Sie Rebus?

Hm, schwierig - ich fühle mich seiner Partnerin Siobhan Clarke viel näher. Auf jeden Fall mag ich Rebus mehr, als er mich mögen würde. Wenn er jetzt hierher in die Oxford Bar käme, könnten wir vielleicht fünf Minuten über Musik sprechen und fünf Minuten über Edinburgh, aber mehr hätten wir uns nicht zu sagen. Er würde mich nicht mögen, weil ich keinen Tag hart gearbeitet habe in meinem Leben und nicht einmal mein Studium selbst finanzieren musste. Und meine politischen Ansichten wären ihm zu liberal. Aber es macht mir Spaß, über ihn zu schreiben - und mein Job als Autor ist es dann auch, zu zeigen, dass die Welt nicht so schlicht, nicht so schwarz-weiß ist, wie er sie sieht.

Er ist jemand, der sich nicht anpasst -

Er ist Anarchist, hat seine eigenen Regeln. Er kann nicht im Team arbeiten, und es ist sein Reflex, grundsätzlich nicht das zu tun, was ein Vorgesetzter ihm sagt. Eigentlich dürfte er also kein Polizist sein. Aber er sucht nach Antworten, er will Gerechtigkeit, und er ist immer auf der Seite der Guten geblieben. Der Polizeichef von Edinburgh hat einmal ein Buch von mir für eine Zeitung besprochen und geschrieben, dass die Polizei einen wie Rebus bräuchte, der frei denkt und ganz für sich allein ermittelt - aber eben nur einen.

Nach 17 Bänden war Rebus 60, Sie haben ihn in Pension geschickt, die Serie für beendet erklärt und zwei Krimis über Malcolm Fox geschrieben: ein korrekter Polizist, der für die Innenrevision in Edinburgh arbeitet. Warum über ihn?

Ich wollte weiterhin Krimis schreiben, wollte als Helden aber keine Variante von Rebus, sondern jemanden, der ganz anders ist als er.

Warum haben Sie Rebus jetzt in dem Band "Mädchengrab" wieder aktiviert?

Auch wenn ich nicht über ihn schrieb, wusste ich in den letzten fünf Jahren immer, was er tat: Er arbeitete wie viele seiner "echten" Kollegen in Schottland nach der Pensionierung in einer Einheit, die sich mit alten Fällen befasst. Als ich dann die Idee für einen Fall hatte, der ein paar Jahre zurückliegt, war klar, dass er übernehmen würde.

Im neuen Band geht es um vermisste Mädchen und junge Frauen, die alle in der Nähe der schottischen Autobahn A9 verschwunden sind. Was ist für Sie an dieser Geschichte besonders wichtig?

Es ist ein Roadmovie - ich wollte Rebus herausholen aus seiner vertrauten Umgebung in Edinburgh und ihn durch ein Schottland führen, das er nicht kennt, vor allem eben auf dieser Autobahn. Es ist eine Straße wie alle anderen auch, viele benutzen sie einfach nur, um von A nach B zu kommen. Für diejenigen, die oft auf einer Straße unterwegs sind, ist das aber anders: Sie wissen, dass sie in gewisser Weise ein eigenes Leben hat, und das sollte Rebus kennen lernen. Ursprünglich sollte der Titel des Buchs deshalb auch "A9" sein. - Außerdem ging es mir um das Thema Verlust: Ich wollte darüber schreiben, wie schwierig es ist, wenn ein Kind verschwunden ist. Die Angehörigen suchen nach einer Erklärung, und wenn sie die nicht bekommen, erfinden sie eine. Sie brauchen eine Geschichte, um irgendwie damit abschließen oder den Verlust zumindest aushalten zu können.

Im englischen Original heißt das Buch "Standing in Another Man's Grave". Warum?

Der Titel nimmt Bezug auf einen Song des schottischen Musikers Jackie Leven, mit dem ich bis zu seinem Tod im Herbst 2011 gut befreundet war. Wir sind sogar zusammen mit Texten und Liedern auf Tour gegangen - und dann erfuhr ich von seinem Manager, dass Jackie nur noch wenige Tage zu leben hat. Damals habe ich das neue Buch geplant und die ganze Zeit über seine Musik gehört, auch den Song "Standing in Another Man's Rain". Ich habe aber immer "Grave" statt "Rain" verstanden, und so ergeht es dann auch Rebus, als er den Song nach einem Begräbnis hört.

Diese Zeile ist nicht wirklich übersetzbar, deshalb hat das Buch im Deutschen auch einen ganz anderen Titel. Können Sie dennoch erklären, was es bedeutet: "Standing in Another Man's Rain" - im Regen eines anderen Mannes stehen?

Es bedeutet, dass einem etwas passiert, das eigentlich einem anderen zustoßen sollte. Etwas Schlechtes, dem man nicht entkommen kann.

Im neuen Fall spielen nicht nur Malcolm Fox und Siobhan Clarke eine Rolle, sondern auch Cafferty, ein Krimineller, mit dem Rebus eine Art Hassliebe verbindet oder vielleicht sogar mehr: Im letzten Fall - "Ein Rest von Schuld" - hat er ihm das Leben gerettet. Warum?

Rebus und er sind wie Kain und Abel, zwei Seiten einer Medaille. Sie verstehen sich, weil sie einen ähnlichen Hintergrund haben, sie haben beide ihre eigenen Regeln, und sie sind beide Dinosaurier: die letzten ihrer Art in einer sich immer schneller wandelnden Welt. Aber man weiß nie, ob sie Freunde werden oder sich doch gegenseitig umbringen. In diesem Fall hat Rebus ihn nun gerettet.

Was verbindet Sie mit Cafferty?

Am Anfang der Serie war er nur eine Nebenfigur, aber er ist mir irgendwie unter die Haut gegangen. Ich lasse Rebus in der Straße wohnen, in der ich als Student lebte, also zu einer Zeit, als ich kein Geld hatte. Aber Cafferty, dem Gangster, der so viel Böses getan hat, habe ich das Haus gegeben, in dem ich heute mit meiner Familie lebe.

Fühlen Sie sich ihm so nahe?

Offensichtlich.

Können Sie das genauer erklären?

Nein, dafür bräuchte ich einen Psychoanalytiker.

In "Mädchengrab" wirkt Cafferty allerdings eher harmlos.

Das ist eine Maske, wie bei Dr. Jekyll und William Brodie - das Böse kann jederzeit ausbrechen.

Das Pensionsalter für Polizisten in Schottland wird nach oben gesetzt, und Rebus überlegt, ob er sich noch einmal bei der Polizei bewerben soll. Wie wird es weitergehen: Wird es wieder einen Band mit Rebus oder Malcolm Fox geben?

Im Sommer muss ich das Manuskript für das nächste Buch abgeben - aber ich verrate noch nichts.

Die Fragen stellte Sabine Schmidt, 2013.

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