Big Ger Cafferty – die dunkle Seite von John Rebus?

Ian Rankin über Big Ger Cafferty

Morris Gerald Cafferty, bekannt als "Big Ger", taucht in "Wolfsmale", dem dritten Roman der Rebus-Serie, zum ersten Mal auf. Der Fall hatte Rebus zwar eigentlich nach London geführt, aber ich musste eine Szene in Glasgow spielen lassen und beschloss, Rebus für eine Zeugenaussage vor Gericht dorthin zu schicken. Der Mann auf der Anklagebank war Big Ger Cafferty, ein überlebensgroßer Charakter, der sich köstlich darüber amüsierte, dass der Anwalt Rebus mit einem früheren Zeugen verwechselte und ihn „Mr Stroman“ nannte. Cafferty verstand "Strohmann" – und Rebus hatte für alle Zeiten seinen Spitznamen weg.

Edinburgh

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Wobei Cafferty zunächst gar nicht "für alle Zeiten" gedacht war. Er hatte seine Aufgabe mit diesem unvergesslichen Gastauftritt in "Wolfsmale" eigentlich erfüllt. Aber das reichte ihm offenbar nicht. Seine Stimme begleitete mich weiter, und mir wurde klar, dass ich diese Figur noch ganz anders einsetzen konnte. Zwei Romane später war er prompt wieder da, wenn auch nur kurz. In "Verschlüsselte Wahrheit" ist Edinburghs Unterwelt das persönliche Reich von Cafferty, und der genießt seine Position. Nachdem sein Leben ganz unten begonnen hatte, als Rabauke in einer heruntergekommenen Wohnsiedlung in Edinburghs Viertel Craigmillar, hat er sich mittels Einschüchterung und dem Einsatz von Gewalt nach ganz oben gearbeitet. Sein Hintergrund ist dem von John Rebus gar nicht unähnlich: Arbeiterschicht, bei der ersten Gelegenheit von der Schule abgegangen, vom Schicksal durch die Mangel genommen und dadurch hart und widerstandsfähig geworden. Rebus sieht bei Cafferty, welchen Weg sein eigenes Leben hätte nehmen können. Und er sieht einen Mann, der sich einem (wenn auch ganz eigenen) Moralkodex verpflichtet fühlt und wachsam auf den Nachwuchs blickt. Diese jüngere Generation ist von einer unbeschwerten Amoralität, die Cafferty selbst fremd ist – und dieser Nachwuchs macht sich bereit, ihn abzulösen. Nachdem er es bis an die Spitze geschafft hat, weiß Cafferty, dass er nun darum kämpfen muss, sein Territorium zu verteidigen.

In "Blutschuld" bricht Cafferty aus dem Gefängnis aus, um den Mord an seinem Sohn zu rächen. Und im Verlauf der Handlung wird seine Beziehung zu Rebus immer enger. Doch auch als Weggefährten bleiben sie voreinander auf der Hut. Es liegt in Rebus' Natur, dass er Cafferty hinter Gitter bringen will, um Edinburgh damit sicherer zu machen. Aber das Böse verschwindet nicht, nur weil man einen Kriminellen aus dem Verkehr gezogen hat. Und solange Rebus es mit Cafferty zu tun hat, weiß er zumindest, woran er ist. Diese Gewissheit würde entfallen, wenn korruptere Gangster dessen Platz einnehmen würden. Gleichzeitig ist Cafferty eine ständige Versuchung für die unbeherrschte Seite in Rebus' Charakter – als würde Cafferty ihm zuflüstern "überschreite die Grenze", "brich die Regeln", "denk wie ein Verbrecher". Werde ein Verbrecher.

Am Ende von "Blutschuld" rettet Cafferty Rebus das Leben. In einem späteren Roman wird Rebus sich dafür revanchieren. Und trotzdem werden die beiden Männer nie echte Verbündete. Jeder hat seine eigene Agenda, und es besteht immer die Möglichkeit, dass einer den anderen endgültig zu Fall bringt. Sie genießen diese Turniere, bleiben dabei aber immer auf der Hut. Wenn ihnen die Gelegenheit passend erscheint, bilden sie allerdings eine Art Team – sofern der Zweck die Mittel heiligt, und obwohl Rebus' unübersehbare Verbindung zu Cafferty es mit sich bringt, dass einige seiner Kollegen ihm nicht mehr vertrauen.

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Wer also ist dieser Cafferty? Ist er wirklich die dunkle Seite von Rebus? Eine Art Mr. Hyde, wenn man Rebus als Dr. Jekyll sieht? Tatsächlich war die Rebus-Serie zu Beginn ein Versuch, die Themen von "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" vor der Kulisse einer zeitgenössischen Großstadt neu zu interpretieren. Immerhin hatte Edinburgh Robert Louis Stevenson damals zu seinem Roman inspiriert. Der Charakter des Mr. Hyde ging zum Teil auf die historische Figur des William Brodie zurück, den "Deacon of Wrights" in Edinburgh, den Vorsteher der Handwerkerzunft. Tagsüber war Brodie ein allseits geachteter Gentleman, nachts führte er eine Gruppe von Einbrechern an. Er wurde schließlich enttarnt, gefasst und gehängt. Als Stevenson klein war, stand in seinem Zimmer ein Schrank, den Brodie getischlert hatte, und Stevensons Kindermädchen musste ihm immer wieder die Geschichte dieses Mannes erzählen. Zu jener Zeit wirkte Edinburgh auf den Betrachter wie eine geteilte Stadt. Die wohlhabenden Stevensons lebten in der im 18. Jahrhundert entstandenen New Town, einem eleganten und architektonisch durchgeplanten Teil der Stadt. Daneben existierte aber noch immer die Old Town, die mittelalterliche Altstadt mit ihrem Gewirr enger Gassen, ihren Raufbolden, Bordellen und Gefahren. Diese Gegend zog Stevenson magisch an. Jede Stadt hat ihre dunkle Seite, und es gibt keine Oberwelt ohne eine Unterwelt. Das erklärt vielleicht, warum ich mich immer mehr für die Figur von Big Ger Cafferty erwärmte. Er konnte diese Schattenseite zeigen. Caffertys komplexe und sich stetig weiterentwickelnde Beziehung zu Rebus führte dazu, dass dieser über seine eigene Rolle in der Welt nachdachte und sich den großen moralischen Fragen nach Gut und Böse stellte. Die beiden Männer durften zusammen altern, und so können sie sich jetzt auch über die Veränderungen in der Welt um sie herum austauschen. Sie sind jetzt in ihren Sechzigern und hadern damit, dass man versucht, sie kaltzustellen. Für Rebus ist kein Platz mehr in einem radikal veränderten Polizeiapparat, der kaum noch etwas mit jener Institution zu tun hat, in der er einst seinen Job antrat. Cafferty seinerseits scheint sich halb aus dem Geschäft zurückgezogen zu haben, nachdem er beobachten musste, wie ihm seine Stadt Stück für Stück von einem jungen, smart gekleideten und sehr cleveren Gangster namens Darryl Christie weggenommen wurde. Wie es aussieht, sind Rebus und Cafferty jeweils die letzten ihrer Art. Und das ist ihnen bewusst.

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Eines sollte ich zu Cafferty noch sagen. Er ist nicht zuletzt auch eine Hommage an einen meiner Lieblingsautoren. Lawrence Block hat sich den New Yorker Privatdetektiv Matt Scudder als Serienhelden geschaffen. Scudder ist ein ehemaliger Cop und trockener Alkoholiker. Und obwohl er nicht mehr trinkt, geht er regelmäßig in eine Bar, in der er immer wieder einen Verbrecher namens Mick Ballou trifft. Ballou ist ein Killer, der bei seinen Attacken die blutige Metzgerschürze seines Vaters trägt. Und doch lebt auch er nach seinem ganz persönlichen Moralkodex. Er und Scudder entdecken eine Art innere Verwandtschaft, auch wenn sich daraus nie eine Freundschaft entwickelt. Aber sie erkennen in ihrem jeweiligen Gegenüber irgendetwas Wertvolles – und eine gewisse Nützlichkeit. Bald nachdem ich die Rebus-Serie begonnen hatte, entdeckte ich die Matt-Scudder-Romane für mich, und ich schätze, dass die Figur von Cafferty diesem Mick Balou einiges zu verdanken hat. Die zwei sind aus ähnlichem Holz geschnitzt.

Rebus lebt übrigens in derselben Straße, in der ich wohnte, als ich ihn 1985 erfand. Und Cafferty? Nun, er lebt da, wo ich heute wohne. Ich überlasse es jedem, daraus seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

"Even Dogs in the Wild"/"Das Gesetz des Sterbens" erscheint im Mai 2016 bei Manhattan