Die Tore der Finsternis - Inspector Rebus 13

Originaltitel: Resurrection Men

Inspector John Rebus steckt bis zum Hals in Schwierigkeiten: Er wurde vom Dienst suspendiert und muss einen Kurs auf dem Scottish Police College absolvieren, um endlich Teamgeist und korrektes Verhalten zu lernen. Gemeinsam mit fünf weiteren schwarzen Schafen aus den Reihen der Polizei soll er dort aber auch einen ungelösten Fall untersuchen: den Jahre zurückliegenden Mord an Eric Lomax – in den, was niemand erfahren darf, Rebus selbst tragisch verstrickt war …

Vorwort zu
„Resurrection Men (Die Tore der Finsternis)“

Für meinen vorhergehenden Roman, The Falls (Puppenspiel), hatte ich einige Recherchen zu Burke und Hare anstellen müssen, jenen berüchtigten Edinburgher Mördern, die in einem einzigen Jahr siebzehn Menschen umgebracht und deren angeblich frisch ausgegrabene Leichen ortsansässigen Chirurgen zum Sezieren verkauft hatten. Damals, Anfang des 19. Jahrhunderts, florierte der Handel mit gestohlenen Leichen, da die einzigen Toten, an denen Medizinstudenten offiziell üben durften, hingerichtete Verbrecher waren. Allerdings gab es von denen einfach nicht genug, um den wachsenden Bedarf der medizinischen Fakultät zu decken.

Natürlich waren Burke und Hare keine Leichenräuber. Sie behaupteten nur, welche zu sein. Aber die Ängste der Edinburgher Bürger waren durchaus real. Im vierten Stock des Museum of Scotland ist unter anderem ein „mort safe“ zu sehen: eine schwere Eisenkiste, die man im Grab auf den Sarg legte und dort beließ, bis der Leichnam so weit verwest war, dass er Grabräubern und deren Kunden nichts mehr nützen würde. Aus dem gleichen Grund hatte man an den Ecken verschiedener städtischer Friedhöfe Wachtürme errichtet. Der auffälligste befindet sich an der Lothian Road, gegenüber dem Caledonian Hotel. Man engagierte Wachen, die dort nachts Posten bezogen und „menschliche Hyänen“ abschreckten oder vertrieben. Für die Grabräuber gab es verschiedene Bezeichnungen, darunter Sack-em-up Men („Sack-sie-ein-Männer“) und – erkennbar mein Favorit – Resurrection Men („Auferstehungsmänner“).

So kam es, dass ich noch während der Recherchen zu The Falls bereits den Titel für meinen nächsten Rebus-Roman gefunden hatte. Und dank einer Rezension in einer Sonntagszeitung ließ auch der Plot nicht lange auf sich warten. Die Besprechung stammte aus der Feder des Polizeipräsidenten von Edinburgh, und vieles darin war sehr schmeichelhaft. Unter anderem wünschte er sich, er hätte unter seinen Leuten auch nur einen einzigen Detective wie Rebus. Aber eine Kritik musste er doch loswerden: Würde ein Polizeibeamter im wirklichen Leben so viel trinken und rauchen und führte insgesamt einen Lebenswandel wie Rebus, würde man ihn wahrscheinlich wieder auf die Polizeiakademie schicken. Ich beschloss, den Chief Constable anzurufen.

„Abgemacht“, sagte ich zu ihm. „Sie richten es ein, dass ich das Scottish Police College in Tulliallan besichtigen darf, und ich schicke Rebus im nächsten Roman dorthin zurück.“

Schließlich hatten die Rebus-Romane mittlerweile den Ruf, besonders realistisch zu sein. Polizeibeamte hatten sich aber gelegentlich schon darüber gewundert, dass Rebus nie von Tulliallan sprach. Normalerweise wäre er dort ausgebildet worden und dann im Lauf seiner Dienstzeit regelmäßig dorthin zurückgekehrt, um sich fortzubilden und verschiedene neue Tricks zu lernen. Ich musste also wissen, wie es auf dem Polizei-College zuging, und jetzt, mit dem Segen des Polizeipräsidenten, hatte ich auch die Gelegenheit, mich kundig zu machen.

Man hatte den Rekruten nicht erzählt, wer ich war, und sie wussten nicht recht, was sie von mir halten sollten. Ich trug keine Uniform, hatte also wahrscheinlich einen höheren Dienstgrad, auch wenn mein Aufzug und mein Verhalten nicht dafür sprachen. Um auf Nummer sicher zu gehen, ließen sie keine Gelegenheit aus, vor mir zu salutieren. Ich erfuhr von den Anforderungen, die an die körperliche Fitness – um das College verlief ein ziemlich schwieriger Hindernisparcours – und die geistigen Fähigkeiten der Trainingsteilnehmer gestellt wurden. Dazu gehörte Beispiel die Aufgabe, sich möglichst kreative Methoden zur Beschaffung von Spenden für wohltätige Zwecke auszudenken – darunter den Fallschirmsprung, der am Ende unverändert in Resurrection Men einfloss. Ich nahm auch an einer Trainingseinheit für frischgebackene Detectives teil: Jeweils drei oder vier Teilnehmer bekamen einen Fall vorgesetzt, den sie gemeinsam bearbeiten sollten, während ihre Maßnahmen und Entscheidungen von Videokameras aufgezeichnet wurden – ob sie nun die Aufgaben innerhalb des Teams verteilten, „Verdächtige“ (gespielt von Ausbildern) vernahmen oder (wieder von Ausbildern) anonyme Anrufe erhielten, die ihnen eine Mischung aus brauchbaren Hinweisen und falschen Fährten lieferten. Während ich dieser Übung zusah, begann meine Geschichte allmählich Gestalt anzunehmen. Die „Auferstehungsmänner“ des Titels würden Typen wie Rebus sein, Männer, die zu oft gegen die Regeln verstoßen hatten und nicht teamfähig waren. Bullen, die durch den Job zynisch, übergewichtig und schlapp geworden waren. Ihnen bot Tulliallan eine letzte Chance zur „Auferstehung“.

Ich habe erwähnt, dass Rebus-Romane mittlerweile als sehr realistisch galten, aber kurioserweise war ich bis 2000 nicht ein einziges Mal in Rebus’ Wohnung gewesen. 1985, damals noch Student, hatte ich mir mit einem Freund eine kleine Erdgeschosswohnung in der Arden Street geteilt. Einmal hatte ich am Fenster gesessen und auf das Haus gegenüber gestarrt, hatte den Blick ein paar Etagen höher schweifen lassen und beschlossen, dass Rebus dort wohnen sollte. Aber erst als Melvyn Braggs Kulturprogramm „South Bank Show“ nach Edinburgh kam, um einen Film über mich zu drehen, ließ ich mich dazu überreden, Rebus’ Haus zu betreten, die zwei Treppen hochzusteigen und an seine Tür zu klopfen. Er war natürlich nicht da. Stattdessen öffnete mir ein deutscher Dozent. Die Aktion hatte aber zur Folge, dass ich in Resurrection Men zum ersten Mal das Treppenhaus mit seinen gemusterten Wandkacheln und dem Mosaikfußboden beschreiben konnte. Und als Rebus mit seinen „Mitauferstandenen“ nach einem durchsoffenen Abend wieder nach Haus kommt, konnte ich die Männer souverän durch die Wohnung dirigieren, die ich ja nun aus eigener Anschauung kannte.

Nicht dass Romane unbedingt „wahr“ sein müssten; es reicht, wenn sie realistisch sind. So hatte ich beispielsweise kaum Skrupel, ein Jack-Vettriano-Gemälde zu erfinden – allerdings erst, nachdem ich mit dem Künstler telefoniert und mich vergewissert hatte, dass er nichts gegen mein „Plagiat“ haben würde. Er stammt wie ich aus Fife, und ich wollte ihn mir nicht zum Feind machen. Der Vettriano spielt eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit dem Mord an einem Kunsthändler, einem Fall, an dem die frisch beförderte Siobhan arbeitet. Ich fand, dass es endlich an der Zeit war, Siobhan wenigstens eine Stufe höher steigen zu lassen. Rebus hatte schon mehr als ein Dutzend Romane hinter sich, und er war während der ganzen Zeit nur ein einziges Mal befördert worden. (Auch dies aus Gründen der Authentizität: Es gibt herzlich wenige Detectives über dem Inspector-Rang, die noch ihr Büro verlassen und sich auf der Straße die Hacken ablaufen.) Siobhan mag ein völlig anderer Mensch als Rebus sein, aber wenn er doch irgendwann einmal in den Ruhestand geht, wird sie keinerlei Probleme haben, als DI an seine Stelle zu treten.

Im April 1998 war ich zur jährlichen Verleihung der von den Mystery Writers of America ausgeschriebenen „Edgars“ nach New York geflogen. Mein Roman Black and Blue (Das Souvenir des Mörders) war in der Kategorie „Bester Roman“ auf die Shortlist gekommen. Allerdings gewann nicht ich, sondern James Lee Burke. Der erzählte mir Jahre später, meine Großherzigkeit wäre ihm unvergesslich geblieben. Angeblich war ich nach der Preisverleihung zu ihm gegangen und hatte ihm die Hand geschüttelt. Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen; ich glaube, sein Gedächtnis spielt ihm einen Streich. 2004 wiederholte ich diese Reise nach Amerika. Am 27. April hatte ich die erste Fassung von Fleshmarket Close (So soll er sterben) abgeschlossen. Der nächste Tag war mein Geburtstag, und am 29. flog ich nach New York. Diesmal kam ich nicht mit leeren Händen zurück: Resurrection Men wurde als „Bester Roman“ ausgezeichnet.

Was bedeutet, dass er wahrscheinlich ziemlich gut ist. Aber wie immer werde ich Ihnen, den Lesern, das Urteil überlassen.

Ian Rankin
Deutsch von Giovanni und Ditte Bandini

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