Die Seelen der Toten

Originaltitel: Dead Souls

Die Seelen der Toten lassen Detective Inspector John Rebus keine Ruhe: In seinen nächtlichen Träumen sucht ihn sein kürzlich verstorbener Freund heim, und tagsüber plagt ihn sein schlechtes Gewissen. Denn er trägt die Hauptschuld daran, dass in einem Fall von Kindsmissbrauch der Täter bereits vor dem Prozess von Presse und Öffentlichkeit verurteilt wurde – eine heikle Situation für die Edinburgher Polizei. Zudem soll er den soeben aus dem Gefängnis entlassenen Serienmörder Cary Oakes überwachen. Doch Oakes setzt alles daran, sich Rebus zu entziehen, und beginnt ein makaberes Versteckspiel mit ihm ...

Vorwort zu
„Dead Souls (Die Seelen der Toten)“

Dead Souls wurde vollständig in Edinburgh konzipiert und geschrieben – der erste Rebus-Roman seit Knots and Crosses (Verborgene Muster), bei dem das der Fall war. Alle übrigen waren während meines vierjährigen Aufenthalts in London beziehungsweise in den sechs Jahren danach entstanden, die ich in Frankreich verbracht hatte. Jetzt war ich wieder in Edinburgh und fürchtete, nicht mehr über die Stadt schreiben zu können. Die Angst war keineswegs unbegründet: Ich hatte die geographische Distanz bislang genutzt, um Edinburgh als fiktionalen Ort neu zu erschaffen. Was würde ich jetzt tun, wo ich jederzeit einen Spaziergang machen und mit eigenen Augen sehen konnte, was ich in all den Jahren falsch beschrieben hatte?

Ich hätte mir keine Sorgen zu machen brauchen.

Der Roman ist nach einem Song der Gruppe Joy Division benannt. Wie der Titel (zu deutsch: „Tote Seelen“) schon verrät, ist es nicht gerade ein Stück, zu dem man auf einer Hochzeit tanzen würde – es sei denn, man zählt die Addams Family zu seiner engeren Verwandtschaft. Natürlich kannte ich die Quelle, aus der Joy Division geschöpft hatten: Nikolai Gogols unvollendeten Roman Die toten Seelen. Wer immer den Begriff des „gequälten Genies“ geprägt hat, könnte dabei an Gogol gedacht haben. Nachdem er den ersten Teil seiner Toten Seelen veröffentlicht hatte, verbrannte er das Manuskript des zweiten Teils. Später nahm er die Arbeit an dem Roman wieder auf, bis sein religiöser Lehrer ihn dazu überredete, das Schreiben überhaupt aufzugeben. Also wanderte auch die neue Fassung des zweiten Teils ins Feuer. Zehn Tage später starb Gogol. Auch mein Buch besteht aus zwei Teilen, die „Lost“ („Verschollen“) bzw. „Found“ („Gefunden“) überschrieben sind. Beide beginnen jeweils mit einem Zitat aus Gogols Werk, wobei das Motto zu „Found“ das Ende des Romanfragments ist, also Gogols letzte erhaltene Worte.

Auf den Titel des Buches kam ich schon früh. Ich wusste, dass ich über Vermisste schreiben wollte. Mein Interesse an dem Thema stammte noch aus der Zeit, als ich für Black and Blue (Das Souvenir des Mörders) recherchiert hatte. In einem Sachbuch mit dem Titel The Missing – „Die Vermissten“ – (das ich gelesen hatte, weil es Passagen über die Bible-John-Morde enthielt) hatte sich der Journalist und Romanautor Andrew O´Hagan mit dem Phänomen des Verlusts auseinandergesetzt und mit der Lücke, die in unserem Leben entsteht, wenn ein Mensch spurlos verschwindet. Von O’Hagan inspiriert, hatte ich eine 70-seitige Erzählung mit dem Titel Death Is Not the End geschrieben (was wiederum der Titel eines Bob-Dylan-Songs ist, den ich allerdings nur durch eine neuere Cover-Version von Nick Cave kannte). Diese Erzählung war eine Auftragsarbeit für einen amerikanischen Verlag, der dann aber die Verkaufschancen als zu gering für eine Veröffentlichung einschätzte. Aus Sorge, die Geschichte würde das Licht der Welt nie erblicken, beschloss ich, Teile daraus für meinen nächsten Roman zu verwenden. Daher gibt es jetzt zwei Versionen der Geschichte, allerdings mit jeweils unterschiedlichem Ende.

Okay, ich war also bereit, meine Erzählung zu einem Roman umzuarbeiten. Aber in der Zwischenzeit war ich auf eine weitere wahre Geschichte aufmerksam geworden. Die Einwohner einer recht üblen Siedlung in Sterling waren durch die Nachricht aufgeschreckt worden, dass ein verurteilter Pädophiler unter ihnen lebte. Der „Bürgerwehr-Instinkt“ übernahm sofort die Regie, und der Mann wurde aus der Siedlung gejagt. Zweierlei faszinierte mich an dieser Story. Zum einen, dass sie das Thema fortführte, das ich in meinem vorherigen Roman, The Hanging Garden (Die Sünden der Väter), schon aufgegriffen hatte – nämlich: Wie erkennen wir, was Recht und Unrecht ist? Das andere war die Einsicht, dass Rebus auf eine solche Meldung („Kinderschänder versteckt sich in Plattenbausiedlung“) genau so reagieren würde wie viele andere seiner Generation, Herkunft und Weltanschauung: Er würde den Dreckskerl outen ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Nun, ich drücke mich selten vor einer Herausforderung: Ich wollte sehen, ob ich ihn nicht in ein paar Dingen zum Umdenken bringen konnte ...

Ich wollte ihn außerdem nach Hause führen, dorthin, wo er aufgewachsen war: in das Herz von Fife. Zwar hatte ich dazu schon in mehreren meiner Bücher Anlass gehabt, aber Dead Souls ist meine persönlichste Auseinandersetzung mit meiner eigenen Heimat. Wenn Rebus’ Schulflamme Janice sich mit ihm in Erinnerungen ergeht, dann sind es meine Erinnerungen und Anekdoten. Wir erfahren auch mehr über Rebus’ Kindheit. Unter anderem, dass er in einem Fertighaus auf die Welt kam (wie ich), seine Familie aber bald in ein älteres Reihenhaus in einer Sackgasse umzog (wie meine). Wir erfahren, dass er, wie ich, einen Pub namens Goth (kurz für Gothenburg) frequentierte und dass sein Vater einen Seidenschal aus dem Zweiten Weltkrieg mitgebracht hatte (wie meiner). Diese autobiographischen Elemente spiegeln sich auch in den Namen wider, die ich Rebus’ Schulfreunden gegeben habe: Brian und Janice Mee. Sie sind Mee/me, also „ich“, oder zumindest ein Teil von mir, wie viele andere meiner Geschöpfe. Am unmittelbarsten natürlich Rebus.

Trotz seines düsteren Inhalts enthält das Buch jede Menge private Witze. Wir lernen Harry kennen, „Edinburghs rüpelhaftesten Barkeeper“ (der im wirklichen Leben mittlerweile Eigentümer der Oxford Bar war und sich nur einigen wenigen Auserwählten gegenüber, die das von ihm erwarten, leisten konnte, rüpelhaft zu sein). Den Nachtklub Gaitano’s ist nach dem amerikanischen Krimiautor Nick Gaitano benannt, der auch unter seinem wirklichen Namen Eugene Izzi geschrieben hat. Kurz bevor ich mit der Arbeit an meinem neuen Roman begann, war er unter – wie es zumindest anfangs schien – geheimnisvollen Umständen ums Leben gekommen. Der kopflose Kutscher, der zu Anfang des Romans erwähnt wird (und später noch einmal, als Name eines Pubs), ist in Wirklichkeit Major Weir, eine reale Gestalt aus Edinburghs dunkler Vergangenheit. Weir und seine Schwester wurden 1678 der Hexerei angeklagt und endeten schließlich auf dem Scheiterhaufen, obwohl sie ein mustergültig frommes Leben geführt hatten und der einzige „Beweis“ ihrer Schuld im wirren und absurden Geständnis des Majors bestand.

Die moderne Entsprechung einer Hexenjagd? Schauen Sie sich an, wie die Massenmedien mit mutmaßlichen Pädophilen umgehen.

Dead Souls war für mich so etwas wie ein Meilenstein. Es war das erste Mal, dass ich mich dazu bereit erklärt hatte, zu wohltätigen Zwecken eine Rolle in einem meiner Bücher zu versteigern. Mittlerweile mache ich das bis zu sechsmal pro Roman, aber in Dead Souls ging es nur um eine Figur. Den Zuschlag bekam eine Freundin von mir, aber sie wollte die Ehre nicht für sich selbst. Oh nein, sie wollte sie für eine ihrer Freundinnen in den USA, eine gewisse Fern Bogot.

„Klingt aber nicht sehr schottisch“, maulte ich.

Schließlich habe ich mir gesagt, dass „Fern“ wie ein Künstlername klang. Und wer würde sich wohl für die Ausübung seines Berufes einen anderen Namen zulegen? Natürlich: eine Prostituierte! Und so begab es sich, dass die hochanständige Fern Bogot – nur geringfügig widerstrebend – zu einer Edinburgher Nutte wurde ...

Ian Rankin
Deutsch von Giovanni und Ditte Bandini

Die Seelen der Toten
Jetzt bestellen
eBook

Leseprobe

Jetzt reinlesen

Leserstimmen

Ihre Meinung abgeben

Bei den mit * gekennzeichneten Feldern handelt es sich um Pflichtfelder.

Mit Absenden des Formulars erkläre ich mich mit der Veröffentlichung meiner Leserstimme durch die Verlagsgruppe Random House GmbH einverstanden. Angegebene E-Mail-Adressen werden nicht für Werbezwecke verwendet und nicht an Dritte weitergegeben.

Es wurden noch keine Leserstimmen abgegeben.

Pressestimmen

  • "Bei Rankin gibt es keine vordergründige, blutrünstige Effekthascherei, keine schablonenhaften Figuren." Süddeutsche Zeitung

  • "Sein mürrischer, misstrauischer und herrlich herablassender Kommissar ist ein Garant für ebenso unterhaltsame wie anspruchsvolle Krimis." Brigitte

Mehr Bücher von Ian Rankin entdecken?
Zur Übericht

www.ian-rankin.de ist die offizielle deutschsprachige Website des Autors Ian Rankin.
© Verlagsgruppe Random House GmbH | Kontakt | Impressum & Haftungsausschluss | Datenschutz | Website: Bewegte Werbung

MANHATTAN Verlag GOLDMANN Verlag RANDOM HOUSE AUDIO Verlag