Puppenspiel - Inspector Rebus 12

Originaltitel: The Falls

In Edinburgh verschwindet eine Studentin, und Inspector John Rebus ahnt, dass man Philippa Balfour nicht mehr lebendig finden wird. Die Befürchtung scheint sich zu bestätigen, als in der Nähe ihres Heimatorts ein kleiner Holzsarg mit einer geschnitzten Puppe gefunden wird. Denn seit 1836 gab es in Schottland immer wieder rätselhafte Todesfälle, die mit ähnlichen Funden verbunden waren. Allerdings verfolgt Rebus auch noch eine weniger geschichtsträchtige Spur: Ein mysteriöser »Quizmaster« hatte über das Internet mit Philippa Balfour Kontakt aufgenommen …

Vorwort zu
„The Falls (Puppenspiel)“

Wenn ich im Ausland auf Lesereise bin, halte ich immer die Ohren offen für einheimische Musik und Bands, die ich noch nicht kenne. Bei meinem ersten Aufenthalt in Neuseeland saß ich in meinem Hotelzimmer in Auckland vor dem Fernseher, und als ein Werbespot für das neuste Album der Mutton Birds kam, gefielen mir die eingestreuten Musikschnipsel sehr gut. Ich hatte von den Mutton Birds noch nie was gehört, aber in Neuseeland schienen sie beliebt zu sein. Am Ende der Lesereise hatte ich auf dem Flughafen eine Stunde Zeit und noch etwas einheimische Währung in der Tasche. Ich ging in einen CD-Laden, kaufte das Album und hörte es mir in Edinburgh an. Auf Rain, Steam and Speed gibt es jede Menge toller Songs, aber The Falls warf mich wirklich um. Es war langsam, quälend eindringlich und mythisch. Der Text handelte vom Erfinden – davon, wie wir mithilfe unserer unersättlichen Neugier die Welt erfinden. Der Refrain hatte es mir besonders angetan: „There must be a story behind all that ...“

Es muss eine Geschichte geben.

Ich hatte mich noch nicht vom Jetlag erholt, als ein französisches Fernsehteam bei mir einfiel. Die Leute sollten einen Dokumentarfilm über das schottische Parlament drehen und wollten auch mit ein paar Skeptikern reden. Ich habe nie erfahren, wie sie auf meinen Namen gekommen sind, aber es stimmt, dass ich bezüglich der Baukosten, des gewählten Standorts und der Notwendigkeit, noch mehr Bürokratie zu schaffen, eine gewisse Skepsis verspürte. (Mittlerweile sehe ich die Sache etwas entspannter.) Ich hatte mich bereit erklärt, mich mit ihnen im jüngst eröffneten Museum of Scotland zu treffen. Im Untergeschoss gab es eine Ecke, die den idealen Hintergrund für unser Gespräch abgeben würde. Als wir in das Gebäude gingen, kam einer der Museumsmitarbeiter auf uns zu. Er hatte mich erkannt und wollte mir etwas sagen:

„Sie sollten sich die Püppchen ansehen, Mr. Rankin.“

Ich fragte ihn, was für Püppchen er meinte. Er zwinkerte und sagte, ich sollte mit dem Lift in den vierten Stock fahren. Im Laufe der Jahre sind jede Menge Leute mit genialen Ideen für mein jeweils nächstes Buch zu mir gekommen. Herzlich wenige davon haben sich als nützlich oder umsetzbar erwiesen. Aber diese „Püppchen“ weckten meine Neugier, und so machte ich die Bekanntschaft der „Särge vom Arthur’s Peak“. Diese Miniatursärge, die man 1836 in einer Höhle der Erhebung „Arthur’s Peak“ entdeckt hatte, befinden sich heute im vierten Stock des Museums, in der Abteilung „Religion und das Leben nach dem Tod“. Sobald ich die kleinen Särge und die darin bestatteten Holzpüppchen sah, wusste ich, dass sie den Kern einer tollen Story abgeben würden. Zumal bis dahin niemand eine eindeutige Erklärung für sie gefunden hatte. Mit anderen Worten: Man konnte eine Geschichte über sie erzählen. Vielleicht konnte die „Dichtung“ jene abschließende Deutung liefern, welche der historische „Wahrheit“ bislang gefehlt hatte.

There must be a story behind all that ...

Meine Bücher sind von jeher Versuche gewesen, Außenstehenden wie Einheimischen bestimmte Aspekte Schottlands zu erklären. Dabei verwende ich gerne verborgene Geschichten – beispielsweise die unterirdische Gasse Mary King’s Close in Mortal Causes (Blutschuld) oder das Kannibalismus-Gerücht in Set In Darkness (Der kalte Hauch der Nacht) – als Ausgangspunkt. Es gibt Dinge, die sich wunderbar in Geschichten verpacken lassen, aber in Geschichtsbüchern ausgeklammert bleiben. Es stimmt auch, dass ich gelegentlich ungelöste reale Verbrechen wie zum Beispiel die Bible-John-Morde in Black and Blue (Das Souvenir des Mörders) als Ausgangspunkt für eigene Geschichten verwende, um auf diesem Wege etwas über die Welt zu sagen, die wir uns erschaffen haben. Das ist vielleicht der Grund, warum ich mich – kurz nach meiner „Entdeckung“ der Särge vom Arthur’s Peak – so sehr für die Geschichte Emmanuel Caillets zu interessieren begann. Caillet war ein junger Franzose, dessen Leiche in den schottischen Bergen gefunden wurde. Niemand konnte erklären, warum er so weit gereist war, um sich das Leben zu nehmen, oder auch nur, warum er sich das Leben hätte nehmen sollen. Eine Theorie, die auch nicht gewagter war als viele andere, besagte, er habe an einem Internet-Rollenspiel teilgenommen und sei dadurch zu seinem Mörder geführt worden. Natürlich sind die Risiken, denen wir uns aussetzen, wenn wir online gehen, hinlänglich bekannt. Der Cyberspace ist der perfekte Ort für Perverse, Scharlatane und Jäger. Er ist eine Welt voller „Gestaltwandler“ ...

Außerdem ist er eine Welt, in der sich Rebus nicht im Mindesten auskennt.

So viel war klar: Wenn ich den Plot aus der Idee des Rollenspiels entwickelte, würde ich Rebus auf unbekanntes Terrain führen, in eine Welt, in der er vollkommen verloren war. Mit anderen Worten, es war die perfekte Gelegenheit, um Siobhan zeigen zu lassen, was in ihr steckte. Das würde ihr Fall werden, ihre Chance zu beweisen, dass sie ein ebenso fähiger Detective war wie ihr Mentor –auch wenn ihre Fähigkeiten woanders lagen. Rebus würde ich auf eine eigene Jagd schicken, und ihm keine virtuellen, sondern greifbare, konkrete Indizien (die Puppen) liefern.

The Falls ist ebenso sehr Siobhans wie Rebus’ Buch. Die beiden stehen ziemlich genau gleich lang „vor der Kamera“, treten aber eher selten gemeinsam auf. Vielleicht ging es mir darum zu zeigen, dass Siobhan Rebus nicht mehr brauchte. Sie arbeitet sehr gern mit ihm zusammen, aber als gleichberechtigte Partnerin. Außerdem befördere ich Gill Templer (abgesehen von Rebus die einzige Gestalt, die seit dem ersten Buch der Reihe überlebt hat) und schicke „Farmer“ Watson in den Ruhestand.

Rebus scheint selbst zu spüren, dass sich die Kontinentalplatten unter ihm verschieben, dass jüngere Beamte in verantwortliche Positionen aufrücken, während er wie ein Saurier zurückbleibt. Er kann seine Sorgen mit Bobby Hogan besprechen, einen Kollegen von der „alten Schule“, aber nicht mit Morris Gerald Cafferty. Ich hatte beschlossen, dass Cafferty, der Big Boss der Edinburgher Unterwelt, in The Falls auf der Reservebank bleiben würde. In früheren Büchern hatte er sich als nützliche Kontrastfigur erwiesen: jemand, dem Rebus sich nahe fühlte, aber auf eher unangenehme Weise. Cafferty reizt Rebus, spielt ein wenig mit ihm und erweist ihm unerwünschte Gefälligkeiten. Die zwei Männer sind sich zu ähnlich, um einander nicht wenigstens bis zu einem gewissen Grad zu respektieren. Gleichzeitig wären aber beide dazu fähig, den anderen zu vernichten. Cafferty hätte mir in The Falls gute Dienste leisten können, aber ich habe ihn einem meiner Mentoren zuliebe, Allan Massie, aus dem Spiel gelassen. Allan war eine Zeitlang writer in residence an der Universität Edinburgh und half mir bei meinen ersten Kurzgeschichten. Er machte mich außerdem mit Euan Cameron bekannt, einem Lektor in London, der schließlich Knots and Crosses (Verborgene Muster) herausbrachte. Ich habe in der Widmung zu The Falls beiden gedankt und mit dem Hinweis, Allan und Euan hätten „den Ball ins Rollen gebracht“, auch auf einen anderen „Serienschreiber“ angespielt: Anthony Powell. Aus irgendeinem Grund fehlte diese Widmungsseite dann aber in den meisten Taschenbuchausgaben des Buches – ein Fehler, der, wie ich hoffe, jetzt korrigiert worden ist.

Warum also glänzt Cafferty in diesem Buch durch Abwesenheit? Nun, in einer Rezension eines früheren Rebus-Romans hatte Allan Massie seine Abneigung gegen Cafferty bekundet – dieses caffertylose Buch ist das Resultat.

Sie sehen: Manchmal höre ich durchaus auf meine Kritiker.

Ian Rankin
Deutsch von Giovanni und Ditte Bandini

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